Die individuelle Kalibration

Da, wie bereits erwähnt, die individuellen Voraussetzungen einer Person sehr unterschiedlich sind, ist es für eine sinnvolle Verwendung der Herzratenvariabilität für jede einzelne Person nicht zielführend Normwerte zu verwenden. Welche HRV-Werte für eine Person typisch sind liegt einerseits an den ererbten Voraussetzungen, andererseits auch an der bisherigen Lebensweise.

Wir haben uns in unserem System entschlossen für die Momentaussagen bezüglich der Regeneration und des Stress eine individuelle Kalibrierung vorzunehmen. Dadurch können wir selbst einer chronisch kranken Person, die objektiv gesehen eine sehr eingeschränkte Herzratenvariabilität aufweist (eingeschränkte Funktion des Parasympathikus), die Information geben, dass sie für ihre Verhältnisse zum Messzeitpunkt gut erholt ist und damit höher belastbar.

Diese beiden Faktoren liefern die Möglichkeit für den Moment eine Aussage zu treffen. Trotzdem ist es interessant darüber hinaus auch einen Trend der Entwicklung von Belastung und Erholung in ihrem Verhältnis zueinander anzuzeigen. Diesen Part erfüllen das biologische Alter und die Herzratenvariabilität. Sind das Bio-Age und die HRV stabil gleichen sich Belastung und Erholung aus. Sinkendes Bio-Age und steigende HRV sind als Zeichen der organischen Entlastung und somit Verbesserung der Belastbarkeit zu werten. Gegenläufige Trends gelten als negative Signale der Aufsummierung von Belastungen und Verminderung der Belastbarkeit.

Diese beiden Informationsquellen sind somit auch objektive Daten, die eine personenunabhängige Einordnung bedeuten.

Die Kalibrationsfunktion richtig nutzen

Für eine unmittelbare Belastungssteuerung dienen vor allem die Parameter Regeneration und Stress um situationsabhängig eine Information zu liefern.Im Rahmen der Kalibration legen wir individuell fest, welche HRV-Daten einer Person typischerweise als hoch zu bezeichnen sind und welche als zu niedrig! Diese Kalibrationsfunktion leiten wir ausschließlich von den Morgenmessungen ab, da wir hier nach dem Schlaf die stabilsten und vergleichbarsten Daten im Längsschnitt erhalten.

Die Morgenmessung muss also sauber und zuverlässig durchgeführt werden. Als bester Zeitpunkt für die überwiegende Zahl der User hat sich dabei eine Messung kurz vor dem Frühstück erwiesen. Eine Messung sofort nach dem Aufwachen ist unter anderem abhängig von der Art des Aufwachens (Wecker, aufwachen von selbst, Tiefe der Schlafphase vor dem Aufwachen, …). Vor den Messungen sind typische Verhaltensweisen, die keine größere Anstrengung bedeuten natürlich erlaubt (WC-Gang, Duschen, kurze gemütliche Hunderunde, …). Durch das milde Aktivieren des Sympathikus und die Gegenregelung des Parasympathikus beginnt der Organismus optimal zu funktionieren.

Alternativen für den Messzeitpunkt der Morgenmessung sind z.B. gleich nach dem Frühstück (Ablenkung von Gedanken an die Arbeit) oder kurz vor Arbeitsbeginn im Büro (wenn der Morgen zu Hause zu hektisch ist).

Beispiel HRV

Wir haben immer wieder gesehen, dass Personen die statistisch gleiche Bedingungen erfüllen, im Rahmen ihrer HRV extrem unterschiedlich liegen können. Ein Beispiel aus dem Sport kann dies an Hand der Streudiagramme sehr gut verdeutlichen:

Diese beiden Personen erfüllen statistisch gesehen fast gleiche Bedingungen. Also sollten sie theoretisch auch organisch gleich funktionieren. Die Streudiagramme zeigen jedoch sehr unterschiedliche Streuungen für den Zustand „regeneriert“ bzw. „erschöpft„. Würde man sie statistisch beurteilen, wäre „regeneriert“ von Person 1 das Maximum für beide, „erschöpft“ von Person 2 das objektive Minimum. Person 1 würde damit immer relativ regeneriert erscheinen, Person 2 immer relativ erschöpft. Davon ausgehend wäre eine Trainings- oder Belastungssteuerung nicht möglich!! Fehleinschätzungen wären hier nicht zu verhindern.

Deshalb erzeugen wir über eine ID – also eine Person – eine Interpretation im Längsschnitt. Damit können wir individuell festhalten, welche Werte für eine Person gut und welche schlecht sind und somit individuelle Aussagen zu Regeneration und Stress treffen. 100% Regeneration können also individuell völlig unterschiedliche HRV-Werte sein:

Individuelle Berechnung

Da diese Tatsache auf individuellen, organischen Voraussetzungen basiert, die einerseits ererbt, aber auch erworben wurden, ist diese individualisierte Berechnung zwingend notwendig. Der erste Schritt, die Grundkalibration, benötigt 8 Morgenmessungen. Damit erhält das System einen Überblick über einen Wochenzyklus den der Organismus durchläuft. In dieser Zeit ist eine Verwendung von Regeneration und Stress, aufgrund der noch geringen Anzahl an Messungen, mit Vorsicht vorzunehmen.

Dann hat in weiterer Folge jede einzelne Morgenmessung einen Einfluss auf die Kalibration. Die Herzratenvariabilität unterliegt aber auch einem natürlichen Alterungsprozess, der durch eine mit zunehmendem Alter verminderte Leistungsfähigkeit des Parasympathikus hervorgerufen wird. Gleichzeitig sind im Jahresverlauf rhythmische Schwankungen der HRV zu beobachten (im Winter tendenziell schlechtere, im Sommer tendenziell bessere Werte). Damit diese beiden Phänomene keine negativen Einflüsse auf die Kalibration ausüben, beurteilen wir eine Messung eines Tages vor dem Hintergrund der letzten 60 Morgenmessungen (also bei täglichen Messungen schauen wir immer 2 Monate zurück).

Mag. Bernhard Schimpl

Mag. Bernhard Schimpl ist wissenschaftlicher Leiter beim Vitalmonitor

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