Die HRV (Herzratenvariabilität) – Alles, was du wissen musst!

Als sportlich Aktiver oder an Gesundheit Interessierter hört man immer öfter von der sogenannten Herzfrequenz– oder Herzratenvariabilität (heart rate variability). Aber nicht nur Laien interessieren sich vermehrt für die HRV, auch die Zahl wissenschaftlicher Artikel steigt ständig an:

 

HRV Studien Anzahl

Was ist die Herzratenvariabilität?

Die HRV beschreibt die Änderung der Abstände zwischen jeweils 2 Herzschlägen. Sie wird dabei in Millisekunden (also dem Tausendstel einer Sekunde) gemessen. Je größer die Variabilität (das heißt je unterschiedlicher die einzelnen Abstände voneinander sind), desto besser. Hier siehst du, wie die HRV aus einem EKG berechnet wird:

Graph der Herzratenvariabilität

Warum ist eine größere Variabilität besser?

Ohne tiefere Kenntnisse würde man annehmen, dass es gut ist, wenn das Herz möglichst gleichmäßig schlägt. In Wahrheit ist aber genau das Gegenteil der Fall – doch warum?
Jeder Mensch hat in seinem Körper eine Vielzahl an Sensoren, die für die Steuerung des Herzens wichtige Rückmeldungen liefern, um den gesamten Körper optimal mit Blut zu versorgen. Über das vegetative Nervensystem wird dann der Herzschlag in seiner Abfolge beeinflusst. Wenn diese Einflussnahme gut funktioniert entsteht eine starke Variation der Herzschlagabstände und zeigt Entlastung an. Funktioniert diese Feinsteuerung schlecht oder kaum, dann ist der Organismus belastet.

Geschichte der HRV

Die erste dokumentierte Anwendung der Herzratenvariabilität geht auf den chinesischen Arzt Wang Shu-ho im 3. Jahrhundert nach Christus zurück der schon damals erkannte, dass ein sehr regelmäßiger Herzschlag von einem schlechten Gesundheitszustand zeugt. Er erkannte:“Wenn der Herzschlag so regelmäßig ist wie das Klopfen des Spechts oder das Tröpfeln des Regens auf dem Dach, dann wird der Patient innerhalb von 4 Tagen sterben.“ Damals war das feinfühlige Gespür eines erfahrenen Mediziners notwendig, um diesen Zustand zu erkennen. Heute, 1700 Jahre später gibt es dafür extrem genaue HRV Messgeräte.

Anwendungsgebiete der Herzfrequenzvariabilität

Die HRV wird primär in zwei Bereichen eingesetzt: im Sport und im Gesundheitsbereich:

Training nach HRV

Um dein Training nach deiner Herzfrequenzvariabilität auszurichten ist es notwendig diese täglich mindestens 2x zu messen. Dafür ist es fast zwingend notwendig ein HRV-Messgerät zu verwenden, das sich an deinen Körper kalibriert. HRV-Werte sind stark alters- und personenabhängig. Nur mit einem Gerät mit Kalibrierung kannst du sicher sein, dass Trainingsempfehlungen auch genau auf deinen Körper abgestimmt sind.
An Tagen an denen deine Herzratenvariabilität hoch ist kannst du alles trainieren – von leichten regenerativen Einheiten über intensive Intervalle bis zu anstrengendem Krafttraining. Ist deine HRV niedrig, dann solltest du, je nachdem wie niedrig sie ist, nur leichtes bis gar kein Training durchführen. Gute Apps zeigen dir das verständlich an.

Übertraining erkennen durch HRV – geht das?

Ja das geht – wenn du täglich mindetens eine Messung durchführst. Du erkennst Übertraining an Regenerationswerten, die sich nicht mehr erholen. Gute HRV Apps zeigen dir das an – hier ein Beispiel aus dem Vitalmonitor Portal:

Übertraining sichtbar

Übertraining ab Mitte Oktober. Die Lösung: mehr Erholungszeit oder weniger Belastung

Die HRV im Gesundheitsbereich

HRV als Stressindikator

Im Gesundheitsmanagement wird die Herzratenvariabilität zur Messung des Stresslevels verwendet. Meistens erfolgt dies ebenfalls mit Hilfe einer Kalibrationsphase, da die Stressresistenz verschiedener Personen sehr unterschiedlich ist. Gute HRV Apps verwenden dafür eine Mischung aus der Herzfrequenzvariabilität selbst und einer Atemübung. Hierbei wird ermittelt wie lange der Organismus braucht, um den Herzschlag an die Atemvorgabe anzupassen (je schneller und stärker die Kopplung des Herzschlages an eine tiefe Atmung funktioniert, umso erholter ist der Organismus).

BioAge als Messgröße für Lebensweise

Ein anderer, häufig vorkommender Wert ist das BioAge. Es sagt aus, wie gut die eigenen HRV-Werte im Vergleich mit anderen Personen sind. Je niedriger die Herzratenvariabilität, desto höher das biologische Alter. Das Essentielle dabei ist, dass man das BioAge durch Bewegung/Sport, Ernährung, Erholung & Zeitmanagement senken kann (sieh dir hier einen Blogartikel zum Thema BioAge senken an).

HRV Biofeedback

Beim Biofeedback geht es darum biologische Vorgänge zu messen und damit gleichzeitig auch zu „trainieren“. Im Wesentlichen ist es das gezielte Erlernen der Aktivierung des Parasympathikus (Sympathikus und Parasympathikus sind zwei Gegenspieler im Körper. Den Sympathikus kann man mit einem Gaspedal vergleichen – der Parasympathikus ist die Bremse). Gemessen wird wieder mit einem HRV-Messgerät. Die Biofeedback Übungen zeigen:

  • eine grafische Vorgabe, wie man atmen soll und zeichnen dann auf, wie sich die HRV verhält oder
  • man kann durch die eigene Atmung beeinflussen, was auf dem Bildschirm passiert

Durch die Messung und das Feedback deiner Körperfunktionen über die Herzfrequenzvariabilität kannst du lernen diese zu beeinflussen. Durch regelmäßige Biofeedback Übungen kannst du deine HRV erhöhen und deine Stressresistenz stärken.

Einflussfaktoren auf die HRV

Folgende Faktoren führen zu einer größeren oder kleineren Herzratenvariabilität:

größer:

  • gesunde Ernährung
  • ausgeglichenes Leben
  • regelmäßiger Sport
  • genügend Erholungszeiten

kleiner:

  • Stress
  • Alkohol
  • Übertraining
  • Nikotin
  • Koffein
  • keine oder mangelnde Bewegung
  • Übergewicht
  • während und direkt nach körperlicher Belastung

Verbesserung der Herzratenvariabilität

Nachdem beschrieben wurde, welche Faktoren die HRV beeinflussen ist es relativ einfach die Herzfrequenzvariabilität zu verbessern. Die Möglichkeiten gliedern sich in 4 Hauptgruppen:

  1. Bewegung/Sport: Ob Bewegung oder gleich Sport hängt von der Ausgangslage ab. Übergewichtige sollten zum Beispiel erst mit Bewegung oder leichtem Schwimmtraining starten, um die Gelenke nicht zu beschädigen. Für alle (Hobby-) Sportler: Achtung eine intensive Ausdauer- oder Krafteinheit verstärkt eine mögliche Stressbelastung (bei intensiver Belastung werden dieselben Hormone, wie bei Stress ausgeschüttet). Das kann auch den Schlaf stören.
  2. Ernährung: Auch mit gesunder, ausgeglichener Ernährung ist eine Verbesserung der HRV möglich. Schnelle Verbesserung versprechen folgende Maßnahmen:
    1. deutlich vor dem zu-Bett-gehen essen
    2. 5 Mal täglich Obst und Gemüse
    3. Säfte durch Wasser ersetzen (Säfte enthalten oft große Mengen Zucker)
    4. auf Alkohol verzichten
    5. auf Inhaltsstoffe der Nahrungsmittel achten
  3. Erholung: Den Großteil der menschlichen Erholung macht der Schlaf aus. Wichtige Faktoren hierbei sind der Einschlafzeitpunkt, die Schlafdauer und -tiefe und Bildschirmarbeit (Smartphone, Tablet, Fernseher, Laptop) vor dem zu-Bett-gehen. Erholungsreize können jedoch auch während des Tages durch Entspannungsübungen gesetzt werden. Beispiele hierfür wären Yoga, Autogenes Training oder Biofeedback Übungen etc.
  4. Zeitmanagement: Wenn man lernt die Zeit bestmöglich einzusetzen, dann kann auch die Herzratenvariabilität verbessert werden. Dazu ist es wichtig Freizeit und Arbeitszeit klar abzugrenzen, das Arbeitspensum klar zu fixieren, Multitasking wenn möglich zu vermeiden und die Arbeit zu strukturieren und zu priorisieren. Dadurch wird Stress abgebaut und Erholungszeiten können besser genutzt werden.

Welcher HRV Wert ist gut?

Das hängt von mehreren Faktoren ab. Grundsätzlich sinkt die Herzfrequenzvariabilität mit dem Alter. Wie das ungefähr aussieht wird in folgender Grafik dargestellt:

Die HRV nimmt mit dem Alter ab

 

Die eigene HRV kann jedoch wie vorhin beschrieben stark durch die Lebensweise beeinflusst werden. Wie das aussehen kann wird in folgender Grafik dargestellt:

 

Biologisches Alter Darstellung

Das BioAge gibt immer an, wie gut die eigenen HRV-Werte für den Altersschnitt liegen. Ist das biologische Alter höher als das tatsächliche, dann hat man schlechtere Herzratenvariabilitätswerte als für das Alter üblich. Umgekehrt ist das genauso.

Welche Geräte zur Messung der HRV gibt es?

Um die Herzratenvariabilität zu messen gibts es grundsätzliche mehrere verschiedene Möglichkeiten, die unterschiedliche Vor– und Nachteile mit sich bringen:

Standgeräte

Diese Geräteklasse besitzt meist ein eingebautes EKG und dadurch eine hohe Genauigkeit. Mit Standgeräten werden meist Kurzzeitmessungen durchgeführt. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie von einem professionellen Partner betreut werden, der komplizierte HRV Werte erklärt. Nachteile sind sehr hohe Kosten für ein solches Gerät und somit hohe Kosten pro Messung, da jede Messung von einem Partner durchgeführt und interpretiert werden muss. Ein einzelne Messung hat zudem wenig Aussagekraft, da sie sehr stark von der Tagesverfassung abhängt.

Portable Geräte mit Pulssensor

Diese Geräte haben den Vorteil, dass sie meist billiger als andere HRV-Messgeräte sind. Dafür sind sie ohne EKG ungenauer und die Messung kann nicht verifiziert werden (im EKG können Fehler oder Extrasystolen erkannt werden – ohne EKG  ist das nicht möglich). In dieser Geräteklasse gibt es 2 Unterkategorien:

  • Geräte, die die Ergebnisse direkt an eine App schicken: Diese HRV-Messgeräte haben den Vorteil, dass Ergebnisse sofort nach einer Messung verfügbar sind. Zusätzlich werden als Auswertungsgeräte meist eigene Smartphones und Tablets verwendet, sodass zusätzliche Hardwarekosten wegfallen. Die dazugehörigen Apps stellen die Auswertung anschaulich dar. Bessere Geräte (wie der FLOW HRV) werden durch regelmäßige Morgenmessungen an den eigenen Körper kalibriert und bieten dadurch eine höhere Genauigkeit und bessere Auswertungen.
  • Geräte, die Daten aufzeichnen und später ausgewertet werden: Die Aufzeichnung erfolgt hier meist über 24 Stunden. Man erhält ein Gerät samt Erklärung von einem Partner und startet die Messung am nächsten Morgen. Der Vorteil hierbei ist, dass ein ganzer Tag aufgezeichnet wird. Die Nachteile sind, dass
    • ein Partner für die Auswertung & Erklärung notwendig ist
    • die Aussagen von der Tagesverfassung abhängen
    • Die Tagesabläufe sich ähneln und daher selten Überraschendes zu Tage tritt (morgens ist die HRV meist gut, Stress verringert sie, Essen verringert sie, während dem Sport ist sie verringert, Entspannungsübungen vergrößern sie, Schlaf vergrößert sie).

Portable Geräte mit EKG

Die Verwendung eines EKGs ist die genaueste Form der Herzfrequenzvariabilitätsmessung. Auch hierbei gibt es, wie zuvor wieder zwei Geräteklassen:

  • Geräte, die die Ergebnisse direkt an eine App schicken: Um die Herzratenvariabilität über ein tragbares EKG Gerät bestimmen zu können ist langjährige Forschung und Entwicklung notwendig. Dafür verfügen diese Geräte aufgrund der Professionalität mit der sie entwickelt wurden fast immer eine eine BaselineBildung (damit wird das Herzratenvariabilitätsmessgerät über regelmäßige Morgenmessungen an deinen Körper kalibriert) und über die Möglichkeit dein EKG während und/oder nach der Messung anzusehen. Prominentestes Beispiel ist der Vitalmonitor.
  • Geräte, die Daten aufzeichnen und später ausgewertet werden: ein zusätzlich Vorteil im Vergleich zu Pulssensoren, die Daten aufzeichnen ist die zusätzliche Genauigkeit. Die Nachteile bleiben dieselben wie oben.

Wie hoch sind die Kosten für eine HRV-Messung?

Die Kosten hängen stark mit dem eingesetzten Messgerät zusammen. Bei einer einmaligen Messung (24h HRV) mit Betreuer fallen ca. 150-300€/Messung an. Beim Kauf eines eigenen HRV-Messgeräts mit App fallen die Kosten nach einem Jahr Nutzung auf unter 1€/Messung. Zusätzlich hat man das ständige Monitoring der HRV-Werte und nicht nur das Bild von einem Tag.

 

Mag. Bernhard Schimpl

Mag. Bernhard Schimpl ist wissenschaftlicher Leiter beim Vitalmonitor

2 replies on “Die HRV (Herzratenvariabilität) – Alles, was du wissen musst!

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