Basics der Messungen

Es stellt sich aus Sicht der Interpretation nun natürlich die Frage: „Was messen wir wirklich„? Und als weitere Frage: „Kann das Herz – also ein sehr ausdauerorientiertes Versorgungsorgan – als Informationsquelle für Belastungssteuerung für Personen dienen, die nicht Ausdauersport betreiben?“

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns einmal vor Augen führen, was wir mit der Herzratenvariabilität eigentlich messen und wie dies sinnvoll interpretierbar ist!

Die Funktion des Herzens

Vermeintlich detektieren wir ja die Funktion des Herzens. Das Herz-Kreislauf-System jedoch unterliegt sehr komplexen Steuerungsprozessen, muss es ja auch – vereinfacht gesagt – jede einzelne Zelle zu jedem Zeitpunkt mit Blut versorgen. Unterbricht diese Versorgung (zumindest über einige Zeit), dann sterben die unversorgten Zellen ab (Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungeninfarkt, …). Deshalb befinden sich im Körper verteilt eine Vielzahl an „Messfühlern„, die wichtige Informationen liefern, um den Zustand vor Ort als Basis für Steuerprozesse zu nutzen. Das soll gewährleisten, dass permanent alle Zellen von Blut erreicht werden. Die Sensoren erfassen unter anderem die Sauerstoffsättigung und CO2-Sättigung im Blut, den pH-Wert des Blutes, Blutdruck, Druck im Brustraum, Druck- und Scherkräfte am Herzen, …

Der Herzschlag selbst wird primär über den Sinusknoten als Taktgeber erzeugt. Dieser sitzt oben am Vorhof des Herzens und generiert einen elektrischen Impuls, der über die Vorhöfe und die Kammern das Herz entlangläuft und von der Herzspitze aus eine Kontraktion hervorruft. Dieser Grundrhythmus ist sehr starr. Er weist im wesentlichen keine Variabilität auf. Also wäre hier die HRV quasi „null“.

Die vegetativen Gegenspieler

Um den Organismus optimal zu versorgen wirken aber auf diesen Grundrhythmus Einflüsse aus den Sensoren im Herz-Kreislauf-System ein, die zu Beschleunigung oder Verzögerung der Herzschläge führen. Diese Einflüsse werden als Antworten auf die Sensorinformationen über das vegetative Nervensystem vermittelt. Zwei Gegenspieler im autonomen (vegetativen) Nervensystem sind dafür verantwortlich diese Regulationsimpulse hervorzurufen. Unter Einfluss des Sympathikus kommt es zu einer Beschleunigung der Herzfrequenz und Abnahme der Variabilität. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus, ruft eine Verringerung der Herzfrequenz und vor allem eine höhere Variabilität hervor. Beide haben so gut wie immer einen Einfluss und sind in ihrem Verhältnis zueinander von hoher Bedeutung für die HRV.

Wenn wir nicht belastet sind (kein Stress, keine körperliche Beanspruchung), dann können die Regelprozesse, ausgelöst durch die Sensorik im Organismus, sehr rasch und vor allem mit hoher Qualität erfolgen. Das bedeute eine sehr hohe Herzratenvariabilität, weil – quasi in Echtzeit – die Taktung der Herzschläge moduliert wird. Der Parasympathikus kann hier mit hohem Einfluss regulativ von Schlag zu Schlag wirken.

Unter Belastungseinfluss (körperliche oder psychische Belastung) – und das gilt auch nach einer Belastungssituation in der Phase der Belastungsverarbeitung – dringen diese Regelprozesse kaum oder gar nicht zum Herzen durch, wodurch eine mehr oder weniger starke Dominanz des starren Sinus-Knoten-Rhythmus entsteht. Die Herzratenvariabilität ist also gering. In der Belastungsverarbeitung steigt die HRV dann – gemäß Regenerationszustand – sukzessive an.

Die HRV richtig interpretieren

Eine hohe HRV bedeutet also als Momentaufnahme einen guten Zustand, schaffe ich immer wieder hohe Werte ist meine Grundfunktion sehr gut und das biologische Alter niedrig.

Eine niedrige HRV bedeutet im Moment eine hohe Belastung, systematisch niedrige Werte bedeuten eine eingeschränkte Funktion und damit ein hohes Bio-Age.

Was sind nun „gute“ und „schlechte“ Werte? Nachdem die HRV mit zunehmendem Alter sinkt und zusätzlich von den genetischen Voraussetzungen mitbestimmt wird, ist diese Frage nicht ganz so leicht zu beantworten.

Für Personen zwischen 30 und 40 Jahren gilt ungefähr:

<20msec = schlecht     20-40msec = ausreichend    40-60msec = gut    >60msec = sehr gut

Je jünger Personen sind, umso deutlich höher müssen die Werte liegen, sind Personen älter dürfen sie etwas niedriger sein. Insgesamt ist es jedoch das Ziel seine HRV auf möglichst hohem Niveau zu halten und/oder das Niveau zu verbessern.

Einflussfaktoren auf die HRV

Die wichtigsten Einflussfaktoren für die HRV in negativer und positiver Form sind:

Das Optimieren der individuellen Situation im Bereich der „grünen Pfeile“ kann zu einer Verbesserung der HRV führen. Die damit einhergehende Entlastung wird durch eine höhere Aktivität des Parasympathikus hervorgerufen, wodurch auch der Sympathikus in seiner Wirkung gedämpft werden kann!

Mag. Bernhard Schimpl

Mag. Bernhard Schimpl ist wissenschaftlicher Leiter beim Vitalmonitor

2 replies on “Die Basis der Messungen

  • Sophia

    Hallo! Ich habe seit ein paar Tagen Halsschmerzen, die zu einer Angina wurden und nehme Antibiotika. Der VM bezeichnet meinem Zustand als 120%ige Superkompensation. Gibt es dafür eine Erklärung?

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    • viktoria

      Hallo Sophia!

      Offensichtlich ist die Belastung durch die Erkrankung (Angina ist ein lokales Geschehen) geringer als die Belastung aus dem täglichen Leben (Beruf, Sport, …) Die Herzfrequenz ist niedriger als sonst, die HRV höher. Also ist die Belastungssituation gesamtorganisch gesehen geringer (durch die krankheitsbedingte Pause (Beruf, Sport, …)).

      Lg, dein Support-Team

      Antworten

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